Die Sache mit dem Ausrufezeichen …

… und warum ich es nicht mag und sehr sensibel darauf reagiere.

Als das Internet laufen lernte gab es die heutigen grafischen Smilies noch nicht. Da wurde mit einem Modem eine Rufnummer gewählt, man musste sich einloggen und war dann in einer Art Terminal, in dem man mit vielen anderen Textnachrichten austauschen konnte. Das ganze geschah in ASCII-Code, absolut minimalistischer Grafik und keinen Smilies oder zur Not nur ganz einfachen. Das Ganze war sauteuer, weil die Telefongebühren meistens für ein Ferngespräch abgerechnet wurden und es noch keine Flatrate gab. Das Telefon gehörte damals noch der Post. So Highlights wie „CompuServe“ oder „AOL“ waren gerade erst am Anfang. Hier konnte man mit Navigatoren oder Offline-Readern die Messages laden, offline lesen, beantworten und dann wieder online stellen.

In allen Systemen galt die Netiquette als oberstes Gebot. Wer sich nicht daran hielt, flog halt raus. Schlimmste Verstöße waren z.B.: Grossbuchstaben, viele aneinandergereihte Satzzeichen (zum Beispiel Ausrufezeichen) und ähnliches. Emotionen wurden per ASCII ausgedrückt und wurden durch die Netiquette „geregelt“, um einander möglichst nicht durch die getippten Worte zu verletzen. Zu diesen Regeln, die sich einfach herausbildeten, gehörte es auch, dass man _Wichtiges_in_Unterstriche_setzte_, Großbuchstaben als „Schreien“ definierte, und die vielen Ausrufe- und Fragezeichen als Warn- oder Drohgebärde empfand. Und so empfinde ich sie heute noch. Als drohend und warnend. Und sehr unschön.

Ich habe bei Ausrufezeichen immer das Bild von Leuten vor Augen, die mit in die Seiten gestützten Armen provokant vor mir stehen und mir am liebsten ins Gesicht springen möchten, auch wenn sie dabei betont leise und akzentuiert sprechen.

Nun fühle ich mich mehr und mehr diesen Droh- und Imponiergebärden ausgesetzt und frage mich allen Ernstes: Bin ich hypersensibel? Reagiere ich „über“? Gibt es inzwischen andere zwischenmenschliche Regeln, die ich schlichtweg übersehen habe?

Davon abgesehen ist der Einsatz von „!“ meines Erachtens jedoch in erster Linie eine stilistische Frage. In Österreich wird sehr gern der Konjunktiv gebraucht, Bitten und Aufrufe also als Fragen verwendet – da steht dann natürlich „?“ und nicht „!“, also etwa: „Könnten Sie bitte zurücktreten?“ – „Lassen Sie mich bitte durch?“ Und in Deutschland? Gerüchteweise soll dort der Umgangston etwas barscher sein, kurzer und knapper. Vielleicht rührt daher der exzessive Gebrauch des Ausrufezeichens?

Warum werden Ausrufezeichen so inflationär benutzt? Warum schliessen manche User im iNet jeden Satz mit einem Ausrufezeichen ab? Wird ein Imperativsatz durch Mehrfachverwendung des Ausrufezeichens noch imperativer?

Mich nerven (die meisten) Ausrufezeichen und ich finde sie einfach nur häßlich und meistens auch ungebührend eingesetzt. Ich setze das Ausrufezeichen selbst nur sehr spärlich ein, und ein Imperativsatz muss nicht zwangsläufig durch ein „!“ abgeschlossen werden. Auch fällt mir auf, dass im Deutschen viel häufiger Ausrufezeichen verwendet werden als in anderen Sprachen. Hauptsächlich im Internet. Der Gebrauch kommt mir unreflexioniert und inflationär vor, und ich empfinde sie gelegentlich meistens als übertrieben nachdrücklich oder auch barsch. Der Imperativ wird ja auch nicht erst durch das Ausrufezeichen zum Imperativ, sondern einzig und allein durch die Satzstellung.

Daher finde ich das Ausrufezeichen (was offensichtlich von Ausruf (!) kommt) als „default“-Ende eines Imperativsatzes vollkommen sinnlos. Immer wenn man seinem Imperativsatz tatsächlich Ausrufcharakter verleihen will, ist es natürlich richtig am Platz, aber nicht jeder Satz ist ein Imperativ. Bitte. Aber da es eben ein Ausrufezeichen ist, und ich es auch normalerweise so verstehe und dem Satz – auch beim Lesen – dann einen anderen Tonfall gebe, bin ich keinesfalls der Meinung, dass es immer am Ende eines jeden Imperativsatzes stehen muss.  Warum auch? „Hallo!“ ist ein Ausruf, aber kein Imperativ, und „Oh, wie toll!“ auch. „Interpretieren Sie bitte das Gedicht.“ ist kein Ausruf, aber offensichtlich ein Imperativ. Warum also mehr Ausrufezeichen setzen als notwendig?

Was ist ein Ausrufezeichen? Dazu zwei Textstellen:

Wikipedia: Das Ausrufezeichen „!“ (auch Ausrufungszeichen) ist ein Satzzeichen, das nach Ausrufe-, Wunsch- und Aufforderungssätzen sowie nach Ausrufewörtern und nach bedingten indirekten Fragen steht. … Als Satzzeichen steht das Ausrufezeichen in unabhängigen Sätzen, Wortgruppen oder nach Einzelwörtern (auch in Überschriften u. Ä.), und zwar nach Ausrufen, Anrufen, Befehlen, Aufforderungen, Warnungen, Verboten, Wünschen, Grüßen, nachdrücklichen Behauptungen.

Duden: das Satzzeichen, das nach Ausrufe-, Wunsch- u. Aufforderungssätzen sowie nach Ausrufewörtern steht.

Um den Duden heranzuziehen, dort steht: „das“ Satzzeichen. Dort steht nicht „die“ Satzzeichen. Die Aufforderung: „Ruf mich an!“ erinnert eh schon an eine 0190-Nummern-Werbung und entspricht nicht meiner Neigung, und wird durch „Ruf mich an!!!!“ nicht wesentlich besser. Wer mich so anschreibt muss uU damit rechnen erstmal nicht angerufen zu werden.

Ich seh es eher so:
„Die Wichtigkeit eines Satzes ist antiproportional zur Anzahl der verwendeten Ausrufezeichen.“

Und möchte als Abschluß Terry Pratchett zitieren:

„Oh! Fünf Ausrufungszeichen. Ein sicherers Merkmal dafür, dass jemand seine Unterhose auf dem Kopf trägt.“




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11 thoughts on “Die Sache mit dem Ausrufezeichen …

  1. Du triffst es auf den Punkt. Menschen, die sehr viele „!“ nutzen, schreien nach Aufmerksamkeit, aber hey, wenn ich das nur durch setzen von ! hinbekomme, schade….:-)

  2. 1. Ja, Du bist hypersensibel.
    2. Ich fühle mich trotzdem ein bißchen schlecht.
    3. Belehrungen erzeugen bei der Jugend oft irrationalen Trotz.
    3. !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  3. Du sprichst mir aus der Seele :) Ich bin auch hypersensibel (bzw. hochsensibel), oder vielleicht einfach nicht so plump wie diejenigen, die durch die inflationäre Verwendung von gewissen Satzzeichen meinen sich virtuell breitmachen zu müssen :P Wer zu viele Ausrufezeichen verwendet, den halte ich automatisch für : Minder intelligent, geltungsbedürftig, unsensibel, egomanisch, _laut_, unsympatisch, unterbelichtet. Ich kann nicht genau sagen, warum das so ist; selbst viele Tippfehler in einem Text lassen mich den Schreiber nicht annähernd so gering schätzen wie die Ausrufezeichen.

    • Das empfinde ich ganz genau so wie du es beschreibst. Ein sehr guter Artikel und am Ende ein treffliches Zitat von einem grossartigen Autor.

  4. Auch mir spricht dieser Artikel aus der Seele.
    Im Zeitalter des „sozialen Networkings“ kann sich jeder in wenigen Minuten in allen möglichen Netzwerken anmelden. In jeder Anmeldung wird auf die AGB´s und oft auch auf die Netiquette hingewiesen.
    Mir drängt sich der Verdacht auf, dass kaum jemand die AGB´s bzw. auch die Verhaltensregeln des jeweiligen Forums liest.
    Meines Erachtens ist der Internetauftritt dieser Personen ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft.
    Früher waren die Menschen bestrebt sich analog den Knigge-Ratschlägen zu verhalten. Heute wird man von wildfremden Menschen auf der Straße mit „Hey Alter“ oder „Hey du da“ angesprochen.
    Früher wurde man in etwa so nach dem Weg zum Bahnhof gefragt. „Entschuldigen Sie, können Sie mir bitte den Weg zu Bahnhof sagen ?“ Heute wird man mit „Hey wo ist der Bahnhof ?“ angesprochen.

    Wo sind nur die schönen Zeiten von Anstand und Moral geblieben ?

  5. Ach- wie schön!
    Endlich eine verwandte Seele.

    Hab ich gleich weitergelinkt an eine Stelle, an der sich so ein Nest von Nachtwächtern befindet.
    Hört ihr Leut!
    *fg

  6. wieviele satzteichen hintereinander wiederholt werden finde ich mittlerweile eher untergeordnet, ja sogar unwichtig… denn es sind normale auswüchse der kommunikation im internet.

    schlimm finde ich es jeden satz mit einem ausrufezeichen zu beenden…!
    das gibt’s wirklich !!!

  7. Es sind tatsächlich überwiegend junge Mädchen und Frauen die bevorzugt alle Sätze mit einem Ausrufezeichen beenden und dies aus offensichtlichen Gründen.

    • Sorry, ich kenn das eher von Männern. Ein Kollege beendet fast jeden Satz mit einem ! . Ich empfinde den inflationären Gebrauch von Ausrufezeichen als sehr unfreundlich & deplatziert. Nicht jede seiner Aussage macht dabei Sinn. Stimme dem Artikel auch zu. Damit nimmt die ursprüngliche Bedeutung des Satzzeichens verloren.

  8. Mir „aus der Seele geschriebener“ Beitrag zu einem mittlerweile immer massiver auftretendem Phänomen und nach fast 6 Jahren aktueller denn je.
    Die Problematik, begleitet durch sinnfreie (oder sinnbefreite?) Rechtschreibung und affenlautähnliche Wortverstümmellungen, ist zweifelsfrei eine Begleiterscheinung der Ausdrucksweise ohne Syntax, wie es in den sog. sozialen Netzen heute üblich ist.
    Wie kann auch jemand „Sprache lernen“, dem unmittelbar nach der Einschulung anstelle von Büchern ein Handy untergejubelt wird?

  9. Danke für deine Ausführungen!

    Hast du jetzt noch eine Erklärung für den Blank zwischen Wort und Ausrufezeichen? Für mich bedeutet es, dass der bereits geimperativte Imperativ noch imperativer gemeint ist…also Befehl des befohlenen Befehls…*kopfkratz* Püh :)

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