Dover Downs

Green FlagDas Pacecar biegt in die Pit Lane ab. Jimmy Johnson führt das 43 Starter umfassende Feld in Turn 4. Die Geschwindigkeit beträgt noch 65 mph, was quälend langsam ausschaut. Noch darf kein Gas zum Beschleunigen gegeben werden. Der Pulk der 43 Wagen schiebt sich langsam zum Ausgang von Turn 4. Über den Scanner kommt die Anweisung für Jimmy Johnson: „Hold. Hold. Hold.“ Der Spotter gibt ihm und den gut 100.000 Fans die Kommandos vor. Ausgang Turn 4 ist von den 43 Wagen nur ein leichtes, wenn auch stetiges Brummen und Prötten zu vernehmen, welches ein gut 850 PS starker Wagen mit 8 Zylindern macht. Die Spannung auf den Rängen steigt immer weiter. Der Starter hat die grüne Startflagge in der linken Hand. Noch zusammengelegt. Mit der rechten Hand bedeutet er den Fahrern, die ihn von weit hinten, Ausgang Turn 4, sehen, in einer Auf- und Abbewegung dem „Hold“ Folge zu leisten. Nur noch Sekunden und er wird die grüne Flagge schwenken und das Rennen über 400 Runden freigeben. Es ist 13:17 Uhr. Es ist Race Day.

Vor gut 20 Minuten ertönte die amerikanische Nationalhymne. Diesmal vorgetragen von einer jungen Dame, 19 Jahre alt, aus Pennsylvania und ihrer Mutter. War ok, aber nicht herausragend. Unter dem Jubel der gut 100.000 Fans donnern 5 Jets der Flugstaffel der Dover Air Force Base über die Rennstrecke und verschlucken mit ihrem Lärm das “ …gled banner yet wave. O’er the land of the free and the home of the brave„. Immer. Bei jedem Rennen ist das Timing so, dass die Flieger genau zu dieser Textstelle die Rennstrecke überfliegen. Das mal Präzision. Dazu landen drei Fallschirmspringer direkt auf der Start/Zielgerade.

... our flag was still thereDie erste Gänsehaut macht sich bemerkbar. Um 13:07 erfolgen die „Most Famous Words in Motorsport„: „Gentleman, start your engines!“ Diesmal sehr schön intoniert von Rusty Wallace, einem ehemaligen NASCAR Champion. Aus der Pit Lane ertönt das 43fache Prötten eines 8 Zylinders im Leerlauf.

Das Feld der Autos wird vom Pacecar auf die Strecke geführt und aufgestellt. Dabei reihen sich die Fahrer für einen Double-File-Start auf. Der Gewinner des Qualifying darf dabei wählen, ob er die Innen- oder Außenbahn nimmt. Jimmy Johnson entscheidet sich für die Innenbahn, was hier auf der Monster Mile ein kleiner, entscheidender Vorteil sein kann. Das ist nicht auf jeder Rennstrecke so, hier gilt das aber. Der Dover International Speedway, kurz DIS, ist ein Oval-Rennkurs mit einer Länge von exakt einer Meile. Die Strecke gilt unter den Kurzovals als eine der anspruchsvollsten Strecken im NASCAR Sport. Mensch und Maschine werden stark beansprucht und so erhielt die Rennstrecke im Laufe der Zeit den Spitznamen: „Monster Mile„. Eine weitere Besonderheit: Der Belag der Rennstrecke besteht aus Beton. Viele andere Rennstrecken im NASCAR Kalender haben Asphalt als Untergrund. Der Beton beansprucht besonders die Reifen und der Gummiabrieb ist dementsprechend hoch. Das führt unter anderem dazu, dass die Rennstrecke, obwohl es trocken ist, „slippery“ wird. Es fühlt sich so an, als wenn man auf Wasser fahren würde, und die Autos schlingern hier und schon das ein oder andere Mal. Es ist also der Fahrer gefragt, dass sein Wagen nicht im Scheitelpunkt der Kurve ausbricht, „loose“ wird. Passiert das, bricht das Heck aus und der Wagen beginnt zu schleudern.

Doch zurück zum Rennen: Die Spannung vor dem Start ist mittlerweile weiter angestiegen, und als die zweite Reihe Ausgang Turn 4 ist, gibt der Starter mit der grünen Flagge das Rennen frei. Über den Scanner hört man das „Green, Green, Green“ des Spotters und die Wagen beschleunigen. In diesem Moment steigert sich das leichte Brummen und Prötteln der 8-Zylinder zu einem immer lauter werdenden Geräuschvorhang, der sich auf mich zuschiebt. Innerhalb der recht kurzen Strecke der Start/Zielgeraden beschleunigen die Wagen von 65 mph auf 150 mph. Das sind knapp 250 km/h. Das Donnern ist Eingangs Turn 1 nicht nur zu hören, sondern auch körperlich zu spüren. Es ist das intensivste Renngefühl, was man sich vorstellen kann. Immer noch in zweier Reihen geht es durch Turn 1 und Turn 2, wobei sich die Geschwindigkeit nur geringfügig ändert, raus auf die Gegengerade hin zu Turn 3 und Turn 4. Gut 20 Sekunden später schiebt sich das Feld wieder auf einen zu und nach gut 24 Sekunden kommt das Feld wieder an mir vorbei. Und das für die nächsten 400 Runden, gut 3,5 Stunden.

Erst nach ein paar Runden „sortiert“ sich das Feld und es wird hier und da „Single-File“ gefahren. Sprich Auto-hinter Auto-hinter Auto. Dennoch ergeben sich durch Positionskämpfe immer wieder Double-File Situationen und hier auch da Three-Wide-Situationen. Three-Wide gilt insbesondere hier auf der Monster Mile als nicht ungefährlich. Bei Three-Wide fahren drei Autos nebeneinander und versuchen sich zu überholen. Auf einem Superspeedway wie Talladega oder Daytona ist es fast üblich mehrere Runden Three-Wide zu fahren, auf einem 1-Meilen-Oval schon etwas Besonderes und nicht grade ungefährlich. Da hört man immer sehr aufgeregt Spotter über den Scanner, die ihren Fahrern Anweisungen geben. Hoch spannend und interessant.

Fans at DoverEin Wort (oder mehrere ;)) zu den Scannern. Man kann natürlich zu einem NASCAR Rennen gehen und nur das Rennen schauen. Das ist spannend, kurzweilig und man erlebt was. Aber, man erlebt mehr, wenn man einen Scanner benutzt. Bei so einem Scanner handelt es sich um einen Kurzwellenempfänger der hier in den Staaten ohne Probleme erworben und auch eingesetzt werden kann. Zu Hause höre ich da ganz gerne mal in den Flugverkehr oder den Polizeifunk rein. Alles vollkommen legal und ganz easy. Überall werden Frequenzen angezeigt, wo man z.B. die Gespräche des Towers vom JFK mit den Flugzeugen mithören kann. Oder man scannt den Polizeikanal und bekommt so z.B. mit, dass es einen Unfall auf der Hillside Ave in Queens gegeben hat. Alles problemlos und legal möglich.

Auch im NASCAR Sport (und in anderen Sportarten) wird von diesen Scannern Gebrauch gemacht und sehr freizügig mit allgemein zugänglichen Informationen umgegangen. Es ist z.B. so, dass jedes Auto seinen Funkkanal frei gibt. Somit kann man einen Wagen / Fahrer anwählen und zuhören, was sein Spotter ihm sagt, oder was er mit seinem Crewchief bespricht. Da gibt es dann hier und da interessante Informationen, zum Beispiel, dass der Fahrer beabsichtigt in zwei Runden zu einem Boxenstop rein zu kommen etc. Weiterhin gibt der Fahrer wertvolle Informationen über den Zustand seines Wagens weiter. Wo ist er loose? Wo ist er tight? Wie gehen die Reifen? Er bespricht mit seinem Crewchief unter anderem auch, ob alle 4 Reifen gewechselt werden soll, oder nur 2, oder / und ob es eventuelle Änderungen an der Fahrzeugabstimmung geben soll. Auf den Fahrerfunkkanälen ist immer sehr viel los, und das „Clear, clear, all clear“ der Spotter ist äussert wichtig für den Fahrer. Der Spotter ist quasi der „Rückspiegel“ für den Fahrer, der nach rechts und links und nach hinten nur eine sehr eingeschränkte Sicht hat. Überholt z.B. Jimmy Johnson ein Auto, weiß er mit unter gar nicht, ob er schon an dem überholten Auto vorbei ist, weil er es durch die eingeschränkte Sicht nicht sehen kann. Er verlässt sich in solchen Situationen blind auf seinen Spotter, der ihm genau sagt, ob er „clear“ ist, also wieder einscheren kann, oder ob der andere Wagen noch „inside“ oder „outside“ ist und er doch gefälligst auf seinen Spur zu bleiben hat. Macht er das nicht und hört nicht auf seinen Spotter, kracht’s halt. ;) Weiterhin hat der Spotter, der meist auf der Haupttribüne weit über der Rennstrecke steht, einen sehr guten Überblick über das Gesamtgeschehen auf der Rennstrecke. Wieder als Beispiel: Jimmy Johnson liegt weit in Führung und befindet sich in Turn 1. In Turn 4 hat es mittlerweile Schwierigkeiten gegeben. Dann gibt der Spotter ihm jetzt schon die Info: „Stay low in Turn 4“ oder „Stay high in Turn 4“, und Jimmy Johnson kann sich sehr früh auf die Situation einstellen. Auch, wenn er da mal in knapp 12 Sekunden oder so vorbei kommt. ;)

Ein weiteres Spannungselement ist die Tatsache, dass jeder der anderen Teams mithören kann, was ein Konkurrent denn grade an seine Box berichtet. Das ist natürlich nicht für 43 Wagen nachhaltbar, aber gerade wenn es zwei, drei, vier Wagen sind, die um einen der vorderen Plätze fahren, hören sich die Teams untereinander ab, um sich hier und da einen Vorteil zu verschaffen. Das führt dazu, dass es in den einzelnen Teams Sondercodes gibt, mit denen wichtige Informationen „verschlüsselt“ an die Crew übermittelt werden. So hat vor Jahren mal Dale Earnhardt Jr. an seine Box gefunkt: „I need a pizza.“ Hunger hatte er dabei wohl nicht. ;)

Ein weitere Scanner Option ist Kanal 454.000. Das ist MRN, Motor Racing Network. MRN berichtet und kommentiert live von der Rennstrecke das Geschehen. Das muss man sich wie eine Fußball-Radioreportage vorstellen. Also so, als würde Manni Breuckmann ein Fußballländerspiel im Fernsehen moderieren, und zwar so, wie er es normalerweise im Radio macht. Bringt das überhaupt was? Ich seh‘ doch, was auf der Rennstrecke passiert. Was brauch ich da dann noch mal eine live Berichterstattung? Ich kann nur sagen: Das bringt auf jeden Fall etwas. Zum einen ist auf einem Oval, egal wie groß, immer sehr viel los. Bei 43 Rennwagen gibt es immer irgendwo Positionskämpfe, oder irgendwas aus der Pit Lane zu berichten. Die Kommentatoren und Moderatoren stehen teilweise in der Pit Lane und im direkten Kontakt mit den Boxencrews, die gerne und oft Informationen über ihre Fahrer weitergeben. So kann man sich z.B. auf den Kampf an der Spitze konzentrieren, bekommt über MRN aber sofort mit, wenn irgendwo anderes etwas passiert. Und zum anderen ist der Berichterstattungsstil so mitreißend, dass man praktisch das Rennen auf einer anderen Ebene sieht-hört. Es lohnt sich einfach.

So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass 90% der Zuschauer einen Scanner dabei und auf den Ohren haben. Die gibt’s in allen möglichen Ausführungen. Klein, rund, groß, grün, blau und schwarz, und es gibt welche, die sind über die Kopfhörer gekoppelt, mit Mikros ausgestattet, dass man sich mit seinem Partner oder Nachbarn unterhalten kann. Ich bin das erste mal 2007 mit den Scannern in Kontakt gekommen, und hatte genau die Gedanken, die ich oben geschrieben habe. Warum soll ich mir ein Rennen „an„hören, welches ich gerade schaue? Zum Glück hatten die Jungs, die ich seinerzeit in Talladega kennengelernt habe, einen Scanner über und den haben sie über das Rennen ausgeliehen. Zum Glück. Sonst wär‘ ich wohl heute weder um diese Erfahrung reicher, noch hätte ich einen eigenen Scanner, noch könnte ich darüber berichten.

And the winner is ...

Das Rennen gewann dann Matt Kennseth nach gut 3 Stunden und 20 Minuten. Zum Glück gab es keinen größeren Unfall, trotzdem war es ein sehr spannendes Rennen. Den „Big One“, einen großen Unfall, gab es dafür am Samstag in der vorletzten Runde des Nationwide Rennens zu sehen. Sehr heftig, wie man im Video sehen kann:

Ist aber zum Glück niemandem etwas passiert. Aber im Video oben hört man mal sehr gut, was über den Scanner kommuniziert wird und mitzuhören ist. Wie es zu dem Unfall kam? Nun, erst mal muss ich vorwegschicken, dass kein NASCAR Rennen unter Gelb beendet wird, es sei denn Gelb wird in der letzten Runde gewunken. Sind also z.B. noch 4 Runden zu fahren, und es kommt zu einer Gelbphase die 5 Runden dauert, ist das Rennen nicht beendet, obwohl ja schon +1 Runde gefahren worden sind. Ein NASCAR Rennen wird immer unter Grün beendet. Es kommt dann zu einem Green-White-Checkered Finale. Sprich, es werden immer noch mindestens 3 Runden (aus)gefahren, um einen Sieger zu ermitteln. Und das war Samstag im Nationwide Series Rennen der Fall. Bei der Nationwide Series handelt es sich sozusagen um die zweite Liga der NASCAR. Obwohl das nicht ganz richtig ist, da es im amerikanischen Sport ja kein Ligasystem gibt. Ich würde eher sagen, die Nationwide Series ist eine Aufbaurennserie. Viele (gute) Fahrer aus der Nationwide Series fahren eines Tages im Sprintcup mit. Die Autos sind etwa gleich motorisiert, haben etwas weniger PS und die Rennen sind kürzer als im Sprintcup, aber sind ebenso spannend und mitreißend.

Während der letzten Runden des Rennens am Samstag gab es eine Gelbphase und es war klar, das das Rennen unter Green-White-Checkered zu Ende gehen würde. Carl Edwards war zu diesem Zeitpunkt in Führung, gefolgt von Joey Logano und Clint Bowyer. Das Rennen wird mit Grün wieder auf die Reise geschickt. Die Wagen rasen Tür-an-Tür durch Turn 1 und Turn 2 und liefern sich auch auf der Gegengeraden ein Side-by-Side Duell. Joey Logano hat dabei ab Mitte Turn 4 die Nase vorn. Er und Carl Edwards biegen in die Start/Zielgerade ein, gefolgt von Clint Bowyer und den anderen Wagen dicht auf. Geschwindigkeit jetzt und an dieser Stelle ca. 145 mph = ca. 230 km/h. Ich saß oberhalb von Turn 4 am Samstag und auf einmal schien es, dass Carl Edwards Joey Logano hinten rechts berührt und abschießt. War aber zum Glück nicht so, das hätte nur wieder Diskussionen gegeben. Der Wagen von Logano wird Ausgangs Turn 4 loose und bricht mit dem Heck aus, schlingert dann nach rechts und wird von der Streckenbegrenzung wieder zurück auf die Strecke geworfen. Clint Bowyer ist viel zu schnell, als das er reagieren könnte und trifft die rechte Seite von Joey Loganos Wagen. Dabei passiert etwas recht ungewöhnliches: Der Wagen von Clint Bowyer geht Airborn, was normalerweise nur bei Open-Wheel-Rennwagen wie Formel 1 oder Indy Car zu beobachten ist. Sieht sehr heftig aus, und es knallte und schepperte ganz schön, als danach noch 4 oder 5 weitere Wagen in den Unfall entwickelt werden. Lag ganz schön viel Müll auf der Strecke, wie man im Video sehen kann. Zum Glück sind aber alle ohne Blessuren aus den Autos ausgestiegen.

Monster MileSomit kann ich sagen, ich hatte ein sehr aufregendes Wochenende in Delaware, dem „First State“ der USA. Die Monster Mile hat das gehalten, was ich mir davon versprochen habe. Über Fahrt und was sonst noch so passiert ist, berichte ich später mal was. Was aber definitiv wieder gepasst hat, war die Wettervorhersage:

 

Sundays forecast? Thunder!

 

Bilder und Videos gibt’s hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

3 thoughts on “Dover Downs

  1. Wiedermal eine so lebhafte Erzählweise, dass sogar mir, dem F1 Anhänger, die Nascar schmackhaft gemacht wird. Wobei ich immer noch Probleme habe mir ein Rennen in einem Oval als spannend vorzustellen, doch die Spotter und Scanner Nummer ist schon klasse.

    • Kommst’e halt mal zu ’nem Rennen vorbei. ;)

      Die Scanner kann man sich auch am Renntag leihen. Auf dem ganzen Gelände stehen zig Trailer rum, wo man fertig eingerichtete Scanner leihen kann. Allerdings lohnt auch ein Kauf, denn nach gut 1,75 Rennen hat man die Leihgebühr schon wieder raus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.