Es muss nicht immer Tiger sein

 

Auf Long Island gibt es rund 150 Golfplätze. Ungefähr die Hälfte davon sind private Golfplätze, auf die man ohne Einladung oder ohne von einem Mitglied mitgenommen zu werden, gar nicht erst drauf kommt. Die andere Hälfte sind öffentlich zugängliche Golfplätze, die jeder spielen kann. Und jeder meint hier wirklich jeder. Hier brauche ich keine Platzreife. Hier muss ich nicht zwingend Mitglied in einem Golfclub sein. Einfach hingehen, spielen und Spaß haben. Das Beste daran: Es funktionert.


Golf für jedermann und als Volkssport. Und das Ganze zu moderaten Preisen, so dass es noch mehr Spaß macht zu spielen. Natürlich gibt es ein paar öffentliche Plätze, wo man 100 oder mehr Dollar für eine Runde zahlen muss, wie z.B. in Bethpage auf dem Black Course. Der war aber auch schon zweimal Austragungsort der US Open, und sollte und ist über die Grenzen von Long Island hinaus berühmt (und auch berüchtigt). Ok, der Preis gilt nur für Nicht-Einwohner von Long Island. Einwohner von Long Isalnd würden, wie ich, nur 75 Dollar für eine Runde auf dem Black Course bezahlen.


Allerdings müsste man dazu erst mal eine Startzeit bekommen. Das ist mal gar nicht einfach. Es gibt gar viele Golfer, die auf dem Parkplatz der Golfanlage übernachten, um sich morgens am Starterhäuschen anzustellen, um eine Startzeit irgendwann am Tag zu ergattern. Ob das erstrebenswert ist, um sich anschliessend vom Platz “vermöbeln zu lassen”, weiß ich nicht. Der Platz gilt als einer der schwersten Golfplätze, und das berühmte Schild am ersten Abschlag “warnt” dann auch eindrücklich, dass nur gute Golfer hier spielen sollten. Fragt sich natürlich, ob und wie viele es davon gibt. Die wirklich guten Jungs mal ausgenommen. Allerdings, und da schlägt wieder das moderate System, was ja eigentlich nicht vorhanden ist, zu: Jeder, wirklich jeder darf den Black Course spielen. Es gibt keine Handicapbeschränkung. Du hast Schläger? Zwanzig-zig Bälle, die Du garantiert verlieren wirst? Hälst den Betrieb nicht auf, weil Du denkst Du kannst aus dem dicken, kniehohen Rough das Grün aus 200 Metern angreifen (wenn Du denn Deinen Ball gefunden hast)? Du leidest nicht an Kurzatmigkeit, und schaffst es, Dein Bag über gut 6 Kilometer berg-auf-berg-ab zu tragen? (Als einer der wenigen Plätze auf Long Island sind Carts hier nicht erlaubt und obwohl Long Island eher flach ist, ist der Black Course für seine Hügel bekannt.) Ja? Ok, dann hab Spaß und spiel den Black Course. Die Gewissheit, dass sich hier schon Dramen rund um Tiger Woods, Phil Mickelson und wie sie alle heißen abgespielt haben, wird Dich beflügeln. Bestimmt.


Die großen Namen der golferischen Neuzeit müssen es aber nicht immer sein. Wer erinnert sich nicht an Walter Hagen? Den Kick, wenn es denn einer ist, einen Platz zu bespielen, auf dem Walter Hagen 1924 die PGA Championship gewonnen hat, kann man gleich um die Ecke von Capitol Manor auf dem Red Course des Eisenhower Parks haben. Da kostet eine Wochenendrunde mit Cart auch mal nur 55 Dollar. Unschlagbar, oder?


Weit gefehlt. Auf einigen kleineren Plätzen in der Umgebung kann man schon für 15 – 18 Dollar eine Runde Golf spielen. Pushcart mit eingeschlossen. Das ist dann unschlagbar.


Wer jetzt denkt, dass der Pflegezustand solcher billigen preiswerten Plätze ja “dementsprechend” sein muss, den muss ich enttäuschen. Dient die Platzreife in der alten Heimat oft auch dazu, den richtigen Umgang mit Pitchgabel oder Bunkerharke beizubringen, “fehlt” das hier natürlich, weil es keinen solchen Nachweis bedarf um zu spielen. Und … es klappt auch hier. Man benutzt einfach die Pitchgabel und die Bunkerharke. Warum auch nicht? Erscheint irgendwie logisch und es wird einfach gemacht. Ohne Platzreife oder einer Bescheinigung einer Befähigung das zu können.


Lustige Begebenheit dazu: Vor ein paar Jahren, ich wollte das erste Mal in den Staaten golfen, und dachte: “Es muss ja hier auch so laufen, wie in der alten Heimat.”, zückte ich meine, damals noch vorhandene, Handicapbescheinigung und zeigt sie dem Sekretär. Der schaute sich erst die Karte an, dann mich und fragte: “Bist Du ein Pro?” Ne, natürlich nicht. Ich hab ihm dann erklärt, dass man so eine Karte braucht, um in Deutschalnd überhaupt spielen zu dürfen. Er schaute mich mit großen Augen an, tippte auf meine Kreditkarte und meinte salopp: “Das ist die einzige Karte, die Du hier brauchst um golfen zu können.”


Was sich jetzt vielleicht so anhört, als würde ich meine knappe Freizeit oft auf dem Golfplatz verbringen, dem ist nicht so. Zum einen sind auch hier Golfrunden zeitintensiv. Auch wenn man hier gefühlt weniger warten muss, als auf einem deutschen Golfplatz. Zum anderen wird es hier gegen 20 Uhr dunkel. Da kann man dann allerhöchstens noch nach Gehör spielen.


Am vergangenen Wochende hab ich mir dann mal angeschaut, wie die großen Jungs auf der PGA Tour das machen. Die PGA Tour gastierte auf dem TPC River Highlands in Cromwell (Connecticut) zur Travelers Championship. Und da Cromwell mal eben um die Ecke liegt, 2 Stunden nördlich von Capitol Manor, hab ich mich um 4 Uhr morgens auf den Weg gemacht, um mir das anzuschauen. Ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Spieler auf der Tour zumindest nahe am Millionär sind, fangen die ersten Paarungen gegen 7 Uhr an zu spielen. Und um das Möglichste aus dem Tag zu machen, muss man halt früh los.


Und ich hab sie alle gesehen. Nicht nur gesehen, sondern auch spielen gesehen. Bubba Watson, der im April das Masters gewonnen hatte; Webb Simpson, der eine Woche vorher die US Open gewonnen hatte; Vijay Singh, Padraig Harrington und Angel Cabrera … alles ebenfalls Gewinner eines oder mehrere Majors in den vergangenen Jahren und viele andere. Die PGA Tour wirbt mit dem Slogan: “These guys are good!“. Kann ich so bestätigen, die sind wirklich gut.


Neben dem Golfspiel ist der ungeheure technische Aufwand aufgefallen, den man betreibt um das Spiel ins Fernsehen zu bringen. Unglaublich was da neben den einzelnen Bahnen rumsteht. Kameratürme hier, Leaderbordanzeigen dort. Das Ganze so aufgebaut, dass man es zwar wahrnimmt, es aber in keiner Weise stört. Und endlich weiß ich, dass die Reporter im Fernsehen die Entfernungen zum Loch, sei es auf dem Fairway oder Grün nicht nur schätzen. An jeder Ecke wird die Balllage vermessen. An jedem Grün steht ein Turm, aus dem die genaue Lage des Balls gemessen und vermessen wird. Mit Lasertechnologie wissen “die” einfach, das der Ball “6 feet, 8 inch” vom Loch entfernt liegt. Und ich hab immer gedacht: “Boh, können die gut schätzen.”

 

Der Golfplatz liegt mitten in einer Wohnsiedlung. Auf vielen Terrassen und Balkonen saßen die Leute, die da wohnen und schauten sich das entspannt von zu Hause aus an. Nice. Mein Gedanke: “Hoffentlich spielt der keinen Slice.” Wie oft die wohl Fensterscheiben erneuern müssen, weil so ein Hobbygolfer wie meiner-einer genau das macht?

 


Leider sind Kameras nicht erlaubt und streng genommen sind auch Mobiltelefone verboten. Man sollte sich zumindest nicht erwischen lassen, wenn man ein Bild macht. So ein paar Schnappschüsse konnte ich allerdings machen. Eins davon an Loch Nr. 8. Par 3, 190 m lang. Vor dem Grün ein Teich, links eine Straße und Out of bounds, rechts die Lücke in den Bäumen, durch die man das zum Teich abfallende Grün anspielen musste. Als ich noch überlegte, ob ich überhaupt einen Schläger für die Länge oder die Länge an sich hätte, und ob man wohlmöglich vorlegen könne, nahm sich Lucas Glover sein 6er Eisen und klopft den Ball Mitte Grün. So geht das.


 

 




 

 

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