4630 Manhatten

imageEin schlichtes HG auf einem blauen Hintergrund ziert den Bereich hinter der kleinen Bühne. Der Veranstaltungsort Irving Plaza 17 ist nicht viel größer als das alte PC69 in Bielefeld. Hier spielte, nachdem das Konzert ursprünglich im Beacon Theatre stattfinden sollte, gestern Abend Herbert Grönemeyer. Gefühlte 80% der Zuschauer sprachen deutsch, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch.

Wie mir schien etwas nervös, aber sehr sympathisch, eröffnet Herbert Grönemeyer das Konzert mit den Worten: „Es ist einer dieser Auftritte, von denen du träumst, und dann bist du da und kannst es gar nicht wirklich glauben„, – natürlich auf Englisch – „Ein historischer Tag.“ Mit seiner englischsprachigen Platte „I walk“ versucht er musikalisches Neuland zu betreten. Und ich finde, das gelingt ihm wunderbar. Alte Songs wie „Flugzeuge im Bauch“ oder „Mensch“ sind ins englische transformiert, und klingen, gerade was „Flugzeuge im Bauch“ angeht, sehr intensiv. Dabei sind die Texte nicht einfach nur stumpf übersetzt worden. Ich war zuerst skeptisch was „Herbert in English“ angeht, aber ich muss sagen, es hat mir sehr gut gefallen. Obwohl es schon recht komisch war „Was soll das?“ in einer englischen Version zu hören, zumal man immer versucht ist, in deutsch mitzusingen. Ich hatte zumindest meinen Spaß.

Bevor er als zweiten Song „I’m on fire“ als Cover von Bruce spielt (Was hätte ich mehr erwarten können?), sagt er etwas sehr Treffendes und Nachvollziehbares: 1983 sei er zum ersten Mal in den USA gewesen: „… und ich habe mich sofort in dieses Land verliebt: Dieser Platz, dieser Geist, diese positive Kindlichkeit. Alle sind einfach entspannter hier als in Deutschland.“

Yep. Ist so. Das zeigt sich nach dem Konzert dann auch in diversen Onlinemedien, wie Zeitungen und Kommentaren auf seiner Fanseite auf Facebook. Da wird sich darüber beschwert, dass das Konzert in englisch war. „Kann ja nicht sein.“ „Ich erwarte zumindest die Zugaben in Deutsch.“ Muahahaha … selten so gelacht. Welcome back, Kleinbürger- und Spießertum. Ja, Mensch (da ist es wieder), wie kann sich der Herbert nur erlauben, nicht in Deutsch zu singen? Unglaublich, so was. Da wollen sogar Leute ihr Geld zurück. (Gedanke dazu: Hauen die Leute eigentlich mit der Hand auf Tisch, während sie so was schreiben?) Schaut euch ruhig mal ein paar Kommentare auf seiner Facebookseite an. Wer nicht mit offenem Mund den Kopf schüttelt, bitte melden. Obwohl … bei dem „ich will mein Geld zurück, weil er auf englisch gesungen hat, und ich enttäuscht bin“ überlege ich noch, ob ich dem Bruce mal ’nen Brief schreibe, wie das so ist. Ich bin so oft enttäuscht worden, weil er nicht „57th Street“ gespielt hat. Vielleicht geht da ja noch was.

Zu dieser ganzen „ich bin enttäuscht“-Triade passt ein Zitat, welches ich in einer Zeitung gelesen habe:

Zwei extra aus Deutschland angereiste Fans schämen sich gar ein wenig für das Verhalten der anderen Zuschauer. „Man muss doch respektieren, dass Grönemeyer das so möchte. Und die englischen Lieder sind doch auch toll“.

Kann ich so unterschreiben. Ich fand und finde das Verhalten einiger schon sehr komisch. Na, muss jeder selber wissen.

Schmunzeln musste ich dann bei dem Flyer, der überall auslag. Da passt der amerikanische Mottospruch – „Go big or go home“ – mal so richtig:

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Ob da jetzt jeder andere „Super„star aus Deutschland mit übereinstimmt, wage ich zu bezweifeln. Der Flyer kommt zumindest an den Kühlschrank.

Als Fazit bleibt zu sagen: Ich finde das Album und die neuen Arrangements super und wenn er, wie angekündigt, im Herbst noch mal hier ein Konzert geben sollte, bin ich dabei. Auf englisch. With Airplanes in my head.

 

2 thoughts on “4630 Manhatten

  1. Es ist echt traurig, wie kleinstirnig manche Menschen sind. Aber die gehören für mich zur gleichen Fraktion wie die, die nach 10 Minuten Les Miserables das Kino verlassen haben, weil der Film nur auf Englisch war.
    Ich frage mich: Informieren die sich nicht vorher? Es ist doch klar, dass Grönemeyer das Konzert auf Englisch hält. Oder kaufen die ihre Karten einfach blind?

    Oar, da könnte ich mich ja echt aufregen!

    • Ich denke, dass es hätte klar sein müssen, dass das Konzert auf Englisch ist. Ja.

      Erste These: Wenn sie sich informiert hätten, könnte die Erwartungen nicht mehr enttäuscht werden. Dann hätten sie nichts mehr zum Aufregen.
      Zweite These: Wenn ich mich nicht informiere, ist es einfacher, Sachen die mir (ggf. immer) missfallen auf andere zu projizieren. (Kino verlassen, auf Herb schimpfen, etc.)

      Bezüglich Kino verlassen: Kann ja ok sein, das Kino zu verlassen, weil … aus vielen Gründen. Die Frage ist ja: Wie wurde das Kino verlassen und wie hat man/haben sie sich danach verhalten? Sind sie laut schimpfend raus? Haben danach den Ticketverkäufer beschimpft und ihr Geld zurück verlangt? Und dann in welchen Medien auch immer weiter geschimpft? Kino oder Konzert verlassen ist für mich immer ok. Das „Wie“ und „das danach“ die Frage. Was mich bei einigen Zeitgenossen im Kino nicht gewundert hätte, wenn sie sich im Kino lauthals beschwert hätten, dass das ja wohl die falsche Tonspur ist.

      Zum Konzert noch mal: Auch da kann oder könnte ich verstehen, wenn jemand sagt: „Ok, gefällt mir nicht, ich gehe wieder.“ Ist ja auch eine Art Standing, und ist mE ok. Was ich während des Konzerts verwunderlich fand, waren die teilweise erbosten Zwischenrufe nach einem Song, er solle doch jetzt endlich mal das oder das Lied auf deutsch singen. Das Verhalten fand ich persönlich peinlich.

      Die dann folgenden Äußerungen in Medien geben dann noch einen oben drauf, und dieses Unglaublich-kopfschüttel-lachen setzte unweigerlich sofort ein.
      Neben persönlichen Angriffen auf Herbert Grönemeyers FB Seite (Kommentare kann man da ja nachlesen), kommt noch ’nen gutes Pfund Unsachlichkeit hinzu. Das ist ja noch geiler, find‘ ich. Unsachlichkeit in der Form, dass dort geschrieben wird „… aber zumindest die Zugaben hätten in Deutsch sein müssen.“ Es ist schlichtweg falsch, das zu behaupten. Die Zugaben waren auch in Deutsch. Da beißt keine Maus den Faden ab. Aber ich denke, dass der Kommentarschreiber da schon nicht mehr voll bei der Sache war. Sie oder er haben sich da schon überlegt: „Wie kann ich bloß meinen Unmut über meine enttäuschten Erwartungen kundtun?“ „Wo setze ich die Ausrufezeichen?“ „Und vor allem: Wie viele Ausrufezeichen setzte ich, um meine stichhaltigen Argumente noch mehr zu unterstreichen?“ Und dann die absolut wichtige Frage, die der Kommentarschreiber für sich klären musste: „Welche Unterhose setze ich dabei auf den Kopf?

      Manchmal ist es vielleicht besser sich die Worte von Thumper’s Papa aus Bambi ins Gedächtnis zu rufen: If you can’t say something nice, don’t say nothing at all.
      (Sollten aber nicht zu viele beherzigen, weil: Dann hätte ich nix mehr zu lachen.)

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